Immer einen Schritt voraus: Anticipated User Experiences im Design

Anticipated User Experiences im Design

Anleitung zum Design einer Zukunft ohne Wahlmöglichkeiten?

Vermutlich handelt es sich beim Anticipatory Design um den nächsten großen Trend gleich nach dem Experience Design. Definiert wird der sperrige englische Terminus als ein Design, das immer einen Schritt voraus sein soll. Es geht also um die ultimative Nutzererfahrung (Nutzerinnen fühlen sich bitte im gesamten Text ebenfalls angesprochen – es geht hier um Menschen als Konsumenten, nicht um Geschlechter), und zwar um eine Erfahrung, die dem Nutzer ermöglicht wird, bevor dieser überhaupt weiß, dass er diese Erfahrung würde machen wollen oder können. Wie wird sich das auf die Technik der Zukunft und unsere Erfahrungen auf technologischem Gebiet auswirken? Hier kommt die Wahlmöglichkeit ins Spiel, und das ist schon fast philosophisch: Können wir überhaupt eine Wahlmöglichkeit für uns postulieren (wollen), wenn Designer uns vorschreiben, was wir würden wählen wollen oder können?

Vorausschauendes oder bevormundendes Design in Sachen UX (so das allgemein übliche Kürzel für User Experience) wird derzeit von ethischer Seite genauso beleuchtet wie hinsichtlich der eigentlichen Anforderungen an die Gestaltung.

Eine Zukunft ohne Wahlmöglichkeiten

Das Anticipatory Design kann durchaus als ein eigenes Entwurfsmuster innerhalb des Predictive Designs angesehen werden. Beide Begriffe sind nicht klar gegeneinander abgrenzbar. Sie meinen in der deutschen Übersetzung vorausgreifendes, vorwegnehmdes oder gar vorausschauendes Design. Während es beim Predicitive Design innerhalb der englischen Wortwahl immer noch so etwas wie eine prophetische Note gibt (zukunftsweisend wäre vielleicht eine treffende Umschreibung), geht es beim Anticipatory Design tatsächlich darum, dem Nutzer das vorzusetzen, was er aller Wahrscheinlichkeit nach wirklich will. Es ist eine Bevormundung, inklusive der negativen Konnotation dieses Wortes. Denn den Nutzern soll die Last der Entscheidung genommen werden, sie sollen vom Druck des selbständigen Denkens befreit werden. Designer übernehmen diese Aufgabe für sie. Das klingt zwar erst einmal vielversprechend, wenn Nutzern die Arbeit erleichtert wird und vorausschauend so gestaltet wird, dass sie alles optimal nutzen können. Aber tatsächlich gibt es erstaunlich wenig Substanz hinter diesem Anspruch. Es wurde schlicht nicht geforscht, es liegen keine Daten und Nutzungsgewohnheiten zugrunde. Und es zeichnen sich ethische Probleme ab, was den Schutz der Privatsphäre, Datenschutz und eingeschränkte Erfahrungswerte angeht. Das betrifft sowohl das Predictive Design als auch das Anticipatory Design.

Das war bislang eher abstrakt. Ganz konkret: Wir bewegen uns auf eine Zukunft zu, in der eine smarte Gestaltung unseres Alltags ohne Rücksicht auf Privatsphäre oder Datenschutz aus unserem erhalten lernt. Systeme wie Alexa, Siri und Cortana sind als intelligente persönliche Assistenten gestaltet. Sie funktionieren, weil unsere Verhaltensmuster, unsere Bewegungen und Äußerungen aufgezeichnet werden. Und sie dienen als Grundlage zukünftiger Technologien. Die digitalen Assistenten werden von uns trainiert, um unser Verhalten in der Zukunft exakt vorhersagen zu können und entsprechend zu interagieren.

Anticipatory UX ist also einerseits vielversprechend, weil uns die Last der täglichen Entscheidungen einfach abgenommen wird. Die negative Seite dieser Entwicklung ist, dass die Wahlmöglichkeit fehlt.

Weniger Auswahl ist die Kehrseite von mehr Automatisation

Anticipatory Design ist ein Gestaltungsmuster, das sich ganz ums Lernen, das Voraussagen und vorausschauendes Handeln dreht. Anders ausgedrückt: Es geht um das Internet der Dinge, um Maschinenlernen und Anticipatory UX. Die smarte Technologie, die das Internet der Dinge ausmacht, lernt aus der Observation. Wir werden von den Maschinen beobachtet, Algorithmen sorgen für die Interpretation der erhobenen Daten. UX Design ist der springende Punkt, an dem der Nutzer nicht mehr an die Computer und Maschinen, die Kameras, Mikrofone und gespeicherten Daten denkt, sondern die Erfahrung einfach genießen kann. Die Technologie verschwindet hinter der Erfahrung. Das funktioniert nur, wenn das Design entsprechend ausgeklügelt ist und alle Komponenten nahtlos ineinandergreifen.

Ein paar Denkansätze

Es ist nicht so, als wären Alexa, Siri und ähnliche Systeme entwickelt und fertig für den Markt. Die Entwicklung steht gerade erst am Anfang, und dementsprechend machen sich die zuständigen Designer durchaus so ihre Gedanken:

  1. Bei den letzten US-Wahlen wurde offenbar, dass es bereits so etwas wie Filterblasen gibt: Wir limitieren uns durch die vorhandene Informationstechnik bereits auf das, was wir wirklich lesen und erfahren wollen. Dass das eher verhindert werden sollte, wurde bewusst.
  2. Der Fokus sollte künftig auf der Erweiterung der eigenen Intelligenz liegen und nicht auf dem Erschaffen einer künstlichen Intelligenz. Die Technologie sollte also unseren Alltag erweitern und nicht Menschen im Alltag ersetzen.
  3. Algorithmen müssen bedarfsgesteuert gestaltet werden. Momentan basieren sie auf dem binären Code und sind alles andere als verständlich. Für eine sinnvolle Interaktion sollten Nutzer aber verstehen, wie die Algorithmen funktionieren.
  4. Persönlichkeit wird eine Rolle spielen. Momentan sind alle interagierenden smarten Systeme sehr unpersönlich und offen als Technologie erkennbar. Das muss sich ändern, damit Nutzer wirklich Spaß an der Sache haben.
  5. Vertrauen aufbauen durch Verständlichkeit und Transparenz. Die meisten heute genutzten smarten Technologien sind für die meisten Nutzer weder transparent, noch verständlich. Das lag bislang auch nicht im Fokus der Hersteller. Aber das wird sich ändern müssen, um die Technologien für eine größere Zielgruppe interessant zu machen. Insbesondere der Umgang mit Daten muss transparenter werden.

UX Design entfaltet sich langsam

Die involvierte Verantwortung, die Ansprüche der Nutzer und vor allem die Interaktion zwischen Nutzern, Entwicklern und der smarten Technologie verändern das UX Design und machen es komplexer als es bisher war. Benutzeroberflächen kommen langsam von der reinen Bedienung per Hand (Tastaturen und Touch-Oberflächen) weg und reagieren auf Stimme, der Output ist nicht mehr notwendigerweise auf einem Bildschirm zu sehen, sondern kann auch über akustische Signale oder Aktionen erfolgen.

Vor allem aber die künftig erforderliche Transparenz hinsichtlich des Umgangs mit gesammelten Daten stellt UX Design vor neue Herausforderungen. Die gerade gängigen Systeme erfüllen die grundlegenden ethischen Anforderungen nämlich nicht einmal ansatzweise. Datenschutz, Kontrolle und Schutz der Privatsphäre fehlen völlig.